Während die einen noch fasten…
Seit Jahren betreiben wir mit Gerhard Ahmad Kaufmann die Webseite Mondsichtung. Sie richtet sich an deutschprachige Muslime in Europa mit dem Ziel über die islamisch-lunaren Monate zu informieren (eine große Wissensbasis auf der Webseite erleichtert den Einstieg in das Thema). So wie jedes Jahr gibt es zu bestimmten islamischen Feiertagen Diskussionen, Wirwarr und Fehlinformationen. Während die einen noch fasten, zelebrieren die Nachbarn das Fest. The muslim Community (in Germany) has no unity.
In der Ausgabe 135 der Islamischen Zeitung vom 24.01.07 erschien unter dem Titel “Während die einen noch fasten… begehen die Nachbarn schon das Fest. Die Unterschiede bei den Feiertagen sind ein Ärgernis” ein Artikel von Yasin Alder (Stellvertretender Chefredakteur) über das Ärgernis der Unterschiede bei den islamischen Feiertagen.
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Während die einen noch fasten …
… begehen die Nachbarn schon das Fest. Die Unterschiede bei den Feiertagen sind ein Ärgernis. Von Yasin Alder, Bonn
(iz). Die in Deutschland alljährlich wieder auftretenden Differenzen bei der von der Mondsichtung abhängenden Bestimmung des Beginns des Ramadan sowie der Datierung der beiden Islamischen Feste ‘Id Al-Adha (Kurban Bayrami, Opferfest) und ‘Id Al-Fitr (Ramazan Bayrami) haben in der Wahrnehmung vieler Muslime in den letzten Jahren leider eher noch zu- als abgenommen. Die Uneinigkeit der hiesigen Verbände in dieser wichtigen Frage hat deutlich spürbare Auswirkungen, wenn einzelne Muslime an einem anderen Tag ihr Fasten beginnen, beenden oder die Feste begehen als andere – und das innerhalb Deutschlands, innerhalb der gleichen Stadt, der gleichen Straße, mitunter im gleichen Haus oder sogar unter den Angehörigen einer Familie.
Während der größte türkische Dachverband DITIB sich nach dem vom türkischen Staat vorgegebenen, astronomisch berechneten Kalender richtet, wobei die entsprechenden Daten von vornherein als feststehend betrachtet werden, versuchen die meisten anderen, dies entsprechend den Vorgaben des islamischen Rechts oder in Anlehnung daran entsprechend der aktuellen Sichtung des Mondes in jedem Jahr kurzfristig zu bestimmen. Um dies zu koordinieren, besteht seit den 90er Jahren der DIWAN, der „Deutsche islamwissenschaftliche Ausschuss der Neumonde“, dem unter anderem der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und die IGMG, der zweitgrößter türkisch-muslimische Verband, angehören. Der DIWAN könnte also theoretisch für alle nicht bei DITIB und einigen anderen türkischen Verbänden organisierten Muslime als Orientierung dienen. Eine dritte Variante ist die, welcher vor allem viele unabhängige arabische Moscheen folgen: Sie richten sich nach Mekka beziehungsweise Saudi-Arabien und beginnen dann das Fasten oder das ‘Id, wenn es dort ausgerufen wird. In diesem Kontext ist auch die Auffassung zu sehen, dass wenn während der Hadsch der Tag von ‘Arafat von Saudi-Arabien auf einen bestimmten Tag festgelegt und demnach für die Pilger am darauf folgenden Tag das ‘Id Al-Adha ist, dann quasi auch für alle anderen Muslime, auch in Deutschland, am nächsten Tag das ‘Id sein sollte. Für diese Orientierung spielt sicher auch die emotionale und symbolische Bedeutung von Mekka und Medina eine Rolle sowie, beim ‘Id Al-Adha, die bedeutende Stellung der Hadsch. Andererseits sind die Entscheidungen Saudi-Arabiens bezüglich der Datierung des Ramadan-Beginns und -Endes sowie des Tages von ‘Arafat und des ‘Id Al-Adha seit Jahren starker Kritik aus der muslimischen Welt ausgesetzt und werden von vielen Experten als offensichtlich falsch gesehen. Dies hat natürlich weit reichende Implikationen, insbesondere auch für die Hadsch und die Pilger. Viele muslimische Staaten wie Marokko oder – teilweise – Ägypten folgen daher nicht Saudi-Arabien, sondern halten an ihrer eigenen Methode fest. Marokko gehört zu den wenigen muslimischen Ländern, die auch beim Opferfest nicht Saudi-Arabien folgen, sondern an der eigenen Sichtung und Bestimmung festhalten.
Zudem gibt es in Deutschland wohl auch einige wenige Muslime und Moscheegemeinden, die sich nach den Datierungen ihres jeweiligen Herkunftslandes richten. Ein neuerer, bedenklicher Trend ist der, dass Muslime unabhängig von ihrer Moschee, ihren örtlichen Moscheegemeinden und den in Deutschland befindlichen Organisationen völlig individuell oder auf familiärer Ebene entscheiden, wann sie das Fasten beginnen oder die Feste begehen – sich danach richtend, wann sie im Fernsehen oder Internet sehen, wie in Mekka verfahren wird oder in irgendeinem muslimischen Land – nach dem Prinzip, dass man Mekka folgt oder aber dem erstbesten Land, in dem der Mond gesichtet wird. Diese zunehmende Individualisierung solch wichtiger Entscheidungen, die das gemeinschaftliche religiöse Leben der Muslime betreffen, ist sehr bedenklich und ein weiterer Schritt zur Individualisierung und Privatisierung der islamischen Lebenspraxis: Der Islam wird zunehmend zur „Privatsache“.
Eine andere, heute oft anzutreffende Haltung unter Muslimen ist das Unverständnis über einzelne Länder, die auf ihrer eigenen Bestimmung oder Sichtung beharren. Man ist der Meinung, dass bei etwas gutem Willen doch eigentlich alle Muslime weltweit die gleichen Datierungen haben müssten oder haben sollten, wobei Mekka dabei oft aufgrund der Symbolik die Rolle des Ortes, nach dem man sich dabei richten sollte, gegeben wird. Diese typisch moderne Sichtweise wird sich aber kaum je realisieren lassen, sie ist auch keinesfalls notwendig und war in der islamischen Geschichte noch nie der Fall. Zum einen, weil es früher noch kein Fernsehen und Internet gab und die Menschen in Tunesien oder der Türkei gar nicht wissen konnten, ob in Indien oder in Mekka der Mond gesichtet wurde, zum anderen, weil auch aus islamisch-rechtlichen Gründen der Sichtung vor Ort der Vorzug gegeben wurde. In weiter östlich gelegenen Erdteilen kann der Mond ohnehin in der Regel früher gesehen werden als weiter westlich, sodass ein früherer Termin für den Ramadan-Beginn oder die beiden Feste dort völlig normal ist. Letztlich war und sind diese Datierungen eine Sache, die von der lokalen politischen Autorität oder, hierzulande, von einer vergleichbar autorisierten Stelle entschieden werden müssen.
Verwirrung bei den letzten beiden Festen
Bei den letzten beiden ‘Id-Festen kam es nun in Deutschland zu der Situation, dass das DIWAN-Mitglied IGMG zu einer vom DIWAN abweichenden Position gekommen ist und somit die Feste auf einen anderen Tag datiert hat, nämlich in beiden Fällen einen Tag später. Vor Ort kam es in einigen IGMG-Moscheen dadurch zu Verwirrung, da teilweise doch einen Tag früher (entsprechend der Entscheidung des DIWAN) das ‘Id begangen wurde, oder, wie dem Autor aus einer IGMG-Moschee bezüglich des ‘Id Al-Adha bekannt wurde, die Erklärung abgegeben wurde, das ‘Id sei am Samstag (gemäß der Entscheidung des DIWAN), das ‘Id-Gebet werde aber am Sonntag verrichtet (dem Tag, den IGMG zum ersten ‘Id-Tag erklärt hatte). In beiden Fällen gab es leider weder vom DIWAN, dessen Verlautbarungen auf islam.de erscheinen, noch auf igmg.de eine Erklärung dazu, warum es zu dieser unterschiedlichen Auffassung kam oder wie genau man eigentlich zu der aktuellen Entscheidung gekommen ist. Viele Muslime sind daher alljährlich immer wieder aufs neue verunsichert, welche Entscheidung denn nun richtig ist oder welcher man folgen sollte – was bis zu schweren Zweifeln führen kann, ob man denn nun der richtigen Entscheidung gefolgt ist oder vielleicht doch einen Fehler gemacht hat. Eine öffentliche Diskussion über diese wichtige Frage? Fehlanzeige. Beim letzten ‘Id Al-Adha erschien lediglich – etwas verspätet – eine kurze gemeinsame Glückwunsch-Erklärung der großen Verbände. Wie als scheinbarer „Ersatz“ für die Uneinigkeit der Muslime vor Ort über die ‘Id-Termine finden zudem immer häufiger „Ramadanfeste“ oder „‘Id-Feste“ statt, meist mehrere Tage oder gar Wochen nach dem ‘Id, welche so im Islam eigentlich keine Tradition haben und letztlich gewissermaßen den Schein einer Einheit der Muslime herzustellen versuchen, die es bezüglich des tatsächlichen ‘Id leider nicht gibt – statt an den eigentlichen ‘Id-Tagen gemeinsam zu feiern, tut man dies nun zu einem späteren Zeitpunkt.
Laut Ali Bozkurt, Stellvertretender IGMG-Vorsitzender, ist die Vorgehensweise der IGMG in dieser Angelegenheit, dass man sobald man eine Nachricht über eine Sichtung der Mondsichel irgendwo auf der Welt erhalten habe, zunächst einmal nachprüfe, ob dies wissenschaftlich möglich sei oder nicht. Im letzteren Fall werde die Meldung verworfen. Da man in Deutschland, so Bozkurt, den Neumond (Hilal) nicht sehen könne, werde von einer eigenen Sichtung hierzulande abgesehen. Die vom DIWAN abweichende Entscheidung am letzten ‘Id Al-Fitr und ‘Id Al-Adha bedeute nicht, dass man nicht mehr Mitglied in diesem Gremium sei. Allerdings, so Bozkurt, müssten die Prinzipien für die Entscheidungen verfeinert werden, um Differenzen künftig zu verhindern. Dem DIWAN wird oft nachgesagt, er neige dazu, sich an Saudi-Arabien zu orientieren, auch wenn er de facto bereits mehrfach von den saudischen Entscheidungen abgewichen ist. Dass man das ‘Id Al-Adha mit dem Tag von ‘Arafat in Saudi-Arabien verknüpfe, ist laut Ali Bozkurt eine zulässige Praxis, auch wenn die saudische Datierung wissenschaftlich zweifelhaft oder gar unmöglich sei. Deswegen halte der DIWAN am Prinzip der wissenschaftlichen Überprüfung einer Sichtung fest. Bokurt sagt, man wolle weiter versuchen, eine einheitliche Entscheidung für Deutschland zu finden. Mit der DITIB sieht er dabei allerdings keinen Gesprächsbedarf, da bei deren diesbezüglicher Linie nichts zu bewegen sei. Prof. Mohammad Hawari vom DIWAN erklärt, dass der DIWAN mit seinen Regeln zur Entscheidungsfindung sich an dem von Yusuf Al-Qaradawi geleiteten „European Council for Fatwa and Research“ orientiere, und zwar wie gesagt gemäß dem Prinzip der Sichtung des Mondes, welche durch eine astronomische Kalkulation überprüft werden müsse. Anders als beim Ramadan richte man sich beim ‘Id Al-Adha aber grundsätzlich nach Saudi-Arabien. „Wir glauben, dass die Sichtung in Saudi-Arabien für das Opferfest falsch ist. Aber wir übersehen dies, weil wir meinen, dass das ‘Id-Gebet eine Sunna ist und der Tag von ‘Arafat in diesem Zusammenhang, vor allem natürlich für die Pilger auf der Hadsch, höhere Priorität hat. Deswegen möchten wir nicht davon abweichen“, meint Prof. Hawari. Leider verfügt der DIWAN bisher über keine eigene Webseite, und Informationen über die Arbeitsweise und Beschlussfassungen sind nur sehr schwer und in geringem Umfang zu finden.
Kritische Stimmen
Zu den Kritikern der Praxis des DIWAN gehört seit Langem das Webseitenprojekt „Mondsichtung.de“. Gerhard Ahmad Kaufmann, der seit rund sechs Jahren bei dem Projekt mitarbeitet, meint, dass der Faktor, ob eine Sichtung astronomisch überhaupt möglich ist, noch immer zu wenig berücksichtigt werde, um die Glaubwürdigkeit von Sichtungsmeldungen zu überprüfen. Hierbei gebe es zwischen der Zone, in der eine Sichtung unmöglich ist, und der Zone, in der eine Sichtung grundsätzlich möglich ist – sofern diese denn durchgeführt wird – eine Grauzone, wo es unsicher sei, ob die Mondsichel gesehen werden könne oder nicht. „Das Problem ist, dass immer wieder Sichtungsmeldungen aus dem Raum Saudi-Arabien auftauchen, die zu einer Zeit kommen, wo sie an diesem Ort völlig unmöglich sind, zum Beispiel weil der Mond schon vor der Sonne untergegangen ist oder andere ausschließende Kriterien vorliegen“, sagt Kaufmann. „In Saudi-Arabien werden Sichtungsmeldungen nicht astronomisch überprüft. Das Problem dabei ist, dass sich viele andere Länder dem dennoch anschließen.“ Das Prinzip, bei der Festlegung des ‘Id Al-Adha dies vom Tag von ‘Arafat auf der Hadsch abhängig zu machen, sieht Kaufmann auch kritisch. „Es gibt nach der Sunna und nach Fatawa [Rechtsgutachten] keine Notwendigkeit, dass man einem anderen Land dabei folgen muss, auch wenn dort die Hadsch stattfindet, zumal wenn es sich um ein weit entferntes Land handelt.“ Auf einen offenen Brief sowie weitere Briefe und Angebote zur fachlichen Diskussion habe er vom DIWAN leider keine offizielle Antwort erhalten. Mondsichtung.de orientiert sich auch an ICOP, dem „Islamic Crescent Observation Project“ (www.icoproject.org). Die ICOP-Webseite wird von Mohammad Odeh, Mitglied der Jordanian Astronomical Society (JAS) und der Emirates Astronomical Society (EAS), betrieben und sieht sich als weltweites wissenschaftliches Projekt, an dem viele aktive Mitglieder aus den verschiedensten Ländern mitarbeiten. So ist ein globales Netzwerk von Personen entstanden, die teils eigene Sichtungen durchführen. ICOP gehört ebenfalls zu jenen, die regelmäßig die saudischen Sichtungsmeldungen für unmöglich halten.
Die Uneinheitlichkeit bei der Bestimmung des Ramadans und der Feste ist nicht nur in Deutschland zu finden, sondern besonders ausgeprägt auch in England, in den anderen europäischen Ländern sowie in den USA, wo es anders als in den muslimischen Ländern keine staatlichen Behörden gibt, die dafür zuständig sind. „Das Problem hat eine astronomische Komponente und eine Schari’a-Komponente“, sagt Kaufmann. „Das Problem ist, dass wir hier in Deutschland in der Regel sehr schlechte Sichtungsbedingungen haben. Mir selbst gelingt es höchstens zwei Mal im Jahr, eine Hilal-Beobachtung zu machen. Man muss daher schauen, bis wohin man auch andere Sichtungen aus Europa akzeptiert, ob man bis Südspanien geht oder noch darüber hinaus bis Marokko oder Algerien, weil dies die uns am nächsten liegenden muslimischen Länder sind. Wenn irgendwo in Westeuropa der Neumond zuerst gesichtet werden kann, aus astronomisch-geografischen Gründen, dann ist es in Spanien, besonders Südspanien. Und dann müsste man einen Kompromiss finden aus astronomisch berechneten Daten und Beobachtungen, wobei letztere unbedingt astronomisch abgesichert sein müssen. Man kann nicht jede Beobachtung einfach so akzeptieren, da sie auch fehlerhaft sein kann. Dass man den Mond bei Nicht-Sichtbarkeit auch berechnen kann, entspricht auch der Sunna, aber ausschließlich nach dem berechneten Kalender zu gehen nicht.“ Die vom DIWAN genannten Kriterien hält Kaufmann für „unbrauchbar“ und die Vorgehensweise des DIWAN für zu wenig transparent. Der Kalender der DITIB entspreche im Prinzip guten astronomischen Kriterien, gehe aber dabei davon aus, dass eine Sichtung an diesem Tag irgendwo auf der Welt möglich sei, wobei die Lage vor Ort und die Datumsgrenzen nicht berücksichtigt werden. Es könne also sein, dass lediglich irgendwo auf einer Pazifik-Insel der Mond gesehen werden könne, was für den Kalender dann ausreiche, um einen neuen Monat beginnen zu lassen, so Kaufmann. Er nennt dies den Standpunkt der „globalen Sichtung“ (gegenüber dem der lokalen Sichtung), der, obwohl von der Schari’a her zulässig, eben doch gewisse Nachteile in sich berge.
Es besteht also weiterhin dringender Diskussionsbedarf unter den Muslimen in Deutschland, wie die bisherige, unbefriedigende Situation bezüglich der Bestimmung dieser für alle Muslime so wichtigen Tage verbessert werden kann.
Quelle: IZ
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