Sahira Awad rappt für Toleranz

Ein interessanter Artikel über eine kopftuchtragende Muslima, die für Toleranz rappt.

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“Kopftuch ist Freiheit”

Sie trägt Kopftuch und hat schon mit Rap-Star Bushido zusammengearbeitet. Sahira Awad gehört zu Berlins bekanntesten Hip-Hop-Musikerinnen. Sie ist gläubige Muslimin, das Kopftuch trägt sie aus Überzeugung. In der von Männern dominierten Hip-Hop-Szene wäre die Sängerin auch ohne die religiöse Kopfbedeckung ein Exot. Jahrelang trug Sahira ihre Haare offen. Für sie ist das kein Widerspruch zu ihrem Interesse am Islam. Schon als Kind mochte sie den Klang des “Ezan”, des Gebetsrufs.

In ihrem Studio in Charlottenburg wippt die 27-Jährige – braune Rehaugen, modische Jeans und eng angelegtes Kopftuch (das “Hidschab”) – zu den selbstkomponierten Beats. Sie sprüht nur so vor Selbstbewusstsein. Der 11. September 2001 war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Sie empfand wie viele, dass der Islam nach den Anschlägen zur Terror-Religion stilisiert und Muslime pauschal verdächtig wurden. Die junge Frau wollte sich ein eigenes Bild machen und fing an, den Koran zu studieren. Ihr gefielen die Spiritualität und der Friedensgedanke der Weltreligion.

Toleranz erwünscht

Sahira begann zu beten – fünf Mal am Tag – und irgendwann setzte sie auch das Kopftuch auf. “Für mich ist das Freiheit, und ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt einen Minirock anhätte. Das ist mein Kopf, mein Haar, meine Entscheidung”, sagt Sahira. Sie ist in Berlin geboren, als Tochter palästinensischer Eltern, und im Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen. Diese förderten die schulischen Leistungen der acht Kinder, achteten darauf, dass sie alle perfekt Deutsch lernten.

Die Mutter trägt kein Kopftuch, auch einige ihrer Schwestern nicht, wie die Musikerin erzählt. Die anderen sind religiöser, haben sich für das Tuch entschieden. Dass Sahira inzwischen allein erziehende Mutter eines Sohnes ist, sei für die Familie keine Schande, sondern Antrieb, sie zu unterstützen, zum Beispiel, wenn wieder Konzerte oder Proben anstehen. So viel Toleranz würde sich Sahira auch in der Kopftuch-Debatte wünschen.

Verunsicherung

Sie kennt auch die Argumente der Gegner wie der türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz. “Für viele von uns Musliminnen steht es für Unterdrückung, Patriarchat und Frauenfeindlichkeit”, urteilte die Grünen-Politikerin über das Kopftuch, das für sie nicht an Schulen gehört. Deligöz’ klare Meinung verärgerte strenggläubige Muslime, die Politikerin erhielt sogar Morddrohungen. “Ich finde das ganz schrecklich”, sagt Sahira. Auch wenn sie Deligöz’ Auffassung nicht teilt, verurteilt sie die Art, wie darauf reagiert wird.

Schon oft hat die junge Frau Verunsicherung bei ihren Mitmenschen ausgemacht, wenn diese ihr Kopftuch sahen. Bei Bewerbungsgesprächen sei das Stück Stoff häufig ein Hindernis gewesen. Ganz anders in der Musikwelt: In der Hip-Hop-Szene falle das Tuch nicht weiter ins Gewicht, erzählt die Sängerin. Sie hat sich mit ihrer Musik schon früh Respekt bei den männlichen Kollegen verschafft. Mit 15 fing sie an, Songs zu schreiben und diese auf Kassetten aufzunehmen. Sie wurden in der Schule weitergereicht und landeten irgendwann bei einem Musikproduzenten.

Gewalt ist tabu

Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen sind Gewaltverherrlichung und Machotum in den Songs von Sahira tabu. Vielmehr reflektiert sie das Leben um sie herum – Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen, Generationskonflikte und vor allem die Frage nach den Wurzeln. “Elhamdüllilah, Frei Schnauze. Berlin, ja das ist mein Zuhause”, singt sie auf ihrem Debütalbum. “Heimat ist für mich immer da, wo ich nicht anecke und mich als Ganzes fühlen kann, also hier in Deutschland. Es ist nur komisch, dass man in der Öffentlichkeit selten als Teil dieses Landes wahrgenommen wird. Wenn wir in den Medien auftauchen, dann immer nur als unterdrückte Töchter oder kriminelle Arbeitslose.”

Deswegen will sie ein Vorbild sein, zeigen, dass eine gläubige Muslimin genauso emanzipiert und selbstbestimmt sein kann wie andere Frauen. Inzwischen hat die Musikerin ein eigenes Label gegründet, “Imani Music” heißt es. Imani kommt aus dem Arabischen und bedeutet “mein Glaube” – der Glaube an Gott und an sich selbst.

Von Aygül Cizmecioglu, dpa

Quelle: n-tv

Zweiter Blogkarneval deutschsprachiger Muslime

Nun ist es fast schon ein Monat her, dass der letzte Blogkarneval stattgefunden hatte. Der nächste steht nun in etwa einem Monat an.

Mediagard.de wird den nächsten Blogkarneval deutschsprachiger Muslime am Fr., den 6.4.2007 moderieren. Thema des Karnevals wird isa “Identität” sein! Allgemeine Themen können immer noch eingereicht werden, aber es wäre schön, wenn sich jeder Gedanken zum Hauptthema macht.

Bitte reicht eure Beiträge bis zum 5. April 2007 ein. Dies kann entweder hier als Kommentar geschehen oder direkt über die Eintragungsseite.

Little Mosque on the Prairie

In Kanada ist eine Sitcom, die Muslime in der Gemeinschaft thematisiert, an den Start gegangen. Die Absicht der 39-jährigen Autorin Zarqua Nawaz, die selbst Muslima ist, sei es aufzuzeigen,

dass die Konflikte in muslimischen Gemeinschaften sich gar nicht so sehr unterschieden von denen anderer Glaubensgruppen – und vor allem, dass es nicht nur völlig in Ordnung sei, manchmal über Muslime zu lachen, sondern dass die auch über sich selbst lachen könnten.

Mal gucken, ob dieser Beitrag die nächste Evolutionsstufe zu “Türkisch für Anfänger” wird.

In Youtube findet man schon die ersten Folgen der achtteiligen Serie (Dank an F. A-Y ;-) ).

Quelle: Deutschlandfunk

Erster bunter Blogkarneval deutschsprachiger Muslime

Der erste Blogkarneval deutschsprachiger Muslime präsentiert eine bunte Mischung aus Blogs, die die muslimische Lebenspraxis thematisieren. Die Gastgeberin Kopftuch und IT hat eine umfangreiche Zusammenfassung aller eingereichten Texte zusammengetragen.

Als Omar von TooMuchCookies das erste Mal den Vorschlag machte, solch einen Karneval zu organisieren war ich sofort begeistert – und skeptisch. Würden wir genug deutschsprachige, bloggende Muslime zusammentrommeln können, um einen anständigen Blogkarneval auf die Beine zu stellen ?

Doch jegweder Zweifel verschwand spätestens mit den ersten eingereichten Beiträgen – die Artikel welche schlussendlich zusammenkamen, sind nicht nur zahlreich, sondern behandeln anspruchsvolle Themen und geben einen interessanten und teilweise auch ungewohnten Einblick in das Leben eines Muslimen. Grund hierfür ist u.a. die bunte Mischung der Teilnehmer, welche aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen kommen und dementsprechend auch recht unterschiedliche Erfahrungen mit dem “Muslim-sein” in Deutschland gemacht haben. (Kopftuch und IT)

Ich gratuliere den Organisatoren Kopftuch und IT und Too Much Cookies für den gelungenen Start. Maschallah :-)

Als ich zum ersten Mal das Wort Blogkarneval gehört hatte, vertstand ich nur “Bahnhof”. Und alle Anderen, die dabei noch “Gleis zwei” verstehen, mögen erstmal die Einführung dazu lesen.

Mütze als Kopfbedeckung oder Kopftuch?

In vielen Bundesländern ist das Tragen von religiösen Kopftüchern für Musliminnen per Gesetz in staatlichen Schulen verboten. Eine Handvoll Lehrerinnen haben entsprechend diesem Richterbeschluss das Kopftuch abgelegt. Nun tragen sie aber modische Mützen, die der Bezirksregierung gar nicht gefällt. Eine wahre Geschichte, die das Leben im demokratischen Deutschland erzählt!
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Der Mützenstreit im Klassenzimmer

Kann eine Wollmütze noch Symbol für Unterdrückung sein? In Nordrhein-Westfalen verstricken sich Lehrerinnen und Staat in haarspalterische Auseinandersetzungen um das Kopftuch im Dienst. Für manche Pädagogin ist der Streit längst existenziell

VON HEIDE OESTREICH

Brigitte Maryam Weiß hat es alles schon hinter sich: Sie war Lehrerin ohne Kopftuch und mit Kopftuch. Sie legte das Kopftuch an der Schultür um die Schulter. Jetzt versucht sie es gerade mit dem “Grace-Kelly-Look”. Die Düsseldorfer Lehrerin hat sozusagen Routine im Kopftuch-Konflikt. Sie ist eine von mindestens 26 muslimischen Lehrerinnen in Nordrhein-Westfalen, denen das Tragen des Tuchs im Unterricht seit Juni 2006 endgültig verboten wurde. Zudem ist sie Funktionärin, Frauenbeauftragte des Zentralrats der Muslime, und auch dies wird dazu beitragen, dass Brigitte Maryam Weiß mit ihrem Kampf für ihr Kopftuch keineswegs am Ende ist.

Weiß war bereits Lehrerin, als sie Anfang der Neunzigerjahre konvertierte und mit dem Tuch in der Schule erschien. Der Direktor wollte das nicht, verwies auf sein “Hausrecht”. Also legte Weiß das Tuch im Klassenzimmer um die Schulter. Aber dann steckte ihr ein Jurist, dass es dieses Hausrecht so gar nicht gebe. Und das Verfassungsgericht verfügte, dass es für Kopftuchverbote erst einmal Gesetze brauche. Weiß stand von Stund an mit Tuch vor der Klasse. Nun ist das Gesetz da. Aber die Kopftücher, die sind auch noch da.

“Der juristische Weg ist keinesfalls ausgeschöpft”, so Brigitte Weiß, die als Sprecherin für die 26 Kolleginnen fungiert. Sie ist entschlossen, sich das Tuch nicht auf diese Weise verbieten zu lassen. Die zum Teil schwierigen Formulierungen des Gesetzes und der Widerstand der Frauen produzieren so manchen interessanten Austausch.

Nordrhein-Westfalen verbietet in seinem Schulgesetz ein “äußeres Verhalten”, das bei SchülerInnen oder Eltern den Eindruck erwecken könnte, dass eine Lehrerin gegen die Menschenwürde, die Gleichberechtigung oder die Grundordnung der Republik auftrete. Nun ist bei einer Lehrerin, die seit 25 Jahren mal mit, mal ohne Tuch unterrichtet und die sich keinen Verstoß gegen die Grundordnung hat zuschulden kommen lassen, nicht so einfach einsehbar, dass sie plötzlich eine Gefahr für die Grundordnung darstellen könnte. Die Lehrerin selbst verneint diese Intention. Auf die Absicht komme es nicht an, entgegnet die Behörde, fordert sie aber immer wieder auf, ihre Gründe für das Tragen des Tuchs darzulegen. “Warum soll ich die Gründe darlegen, wenn es auf diese Gründe nicht ankommt?”, wundert sich Weiß. Es komme auf den Eindruck an, den das Tuch erweckt, heißt es dann. Aber weckt ein Grace-Kelly-Kopftuch den Eindruck, man verstoße gegen die Grundordnung? Was passiert, wenn eine christliche Lehrerin ein solches Tuch trägt?

Nicht wenige von Weiß’ Kolleginnen versuchen ebenfalls, keinen verfassungsfeindlichen Eindruck zu machen. Sie tragen neuerdings Wollmützen statt Kopftücher. Aber auch hier gibt sich das Land unerbittlich: “Zwar haben Sie das Kopftuch abgelegt. Tatsächlich aber tragen Sie eine kopftuchähnliche Kopfbedeckung aus anderem Material. Zurzeit verwenden Sie eine die Haare vollständig bedeckende Wollmütze”, heißt es in der Abmahnung einer der Betroffenen. Nun wurde die Lehrerin gefragt, ob sie die Mütze aus religiösen Gründen trage. Sie antwortete nicht. Denn auf ihre Motivation kommt es ja laut Gesetz nicht an. Später erklärte sie, mit der Mütze wolle sie lediglich dem Gefühl des “Nichtangezogenseins” entgehen. Religiös motiviert sei diese nicht mehr. Aber das glaubt ihr die Bezirksregierung nicht, schließlich habe sie ja vorher aus religiösem Motiv ein Kopftuch getragen. Manchmal zählen die Motive der Lehrerin, obwohl diese äußerlich nicht mehr sichtbar sind. Und dann wieder ist die Motivation egal, weil nur der Eindruck zählt. Das ist schon kurios.

Aber nicht für alle. Die Bezirksregierungen, die sich zu den laufenden Verfahren im Moment nicht äußern, wollen das Problem offenkundig los sein. Für die Lehrerinnen ist der Streit oft existenziell. “Der Druck ist mörderisch”, meint Weiß, zwei Lehrerinnen seien zusammengebrochen, eine musste zwischenzeitlich in die Psychiatrie.

Die Lehrerinnen haben AnwältInnen für das vor ihnen liegende juristische Marathon engagiert. Sie empört vor allem, dass ihr Kopftuch automatisch als tendenziell verfassungsfeindlich gilt, ein Nonnenhabit aber erlaubt sein soll. An dieser Ungleichheit ist das baden-württembergische Gesetz gescheitert. Dort unterrichten Nonnen unbehelligt an einer staatlichen Schule. Eine Kopftuch-Lehrerin hatte wegen Ungleichbehandlung der Religionen geklagt. Auch in Nordrhein-Westfalen ist nun eine Nonne im staatlichen Schuldienst gesichtet worden. Mit diesem Vergleich wollen die Kopftuch-Lehrerinnen nun auch ihre Häupter retten. Ein Detail allerdings verkompliziert die Angelegenheit: Die Nonne unterrichtet an einer Schule für Blinde und Sehbehinderte.

taz Nr. 8178 vom 18.1.2007, Seite 6, 162 TAZ-Bericht HEIDE OESTREICH

© Contrapress media GmbH

Quelle: taz.de

Ein Stück Stoff ändert das Leben – Leider!

In der Berliner Morgenpost fand ich diesen interessanten Artikel.
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Für einen Tag legt eine Morgenpost-Reporterin ein Kopftuch an und wird optisch zur Muslimin. Ein Selbstversuch

Von Nicole Dolif

Oft, sehr oft, hat meine Bekannte Fatma mir von ihren Erfahrungen als Frau mit Kopftuch in Berlin erzählt. Fatma lebt seit mehr als 30 Jahren hier und spricht perfekt Deutsch. Ihre Tochter studiert. Und doch sagt sie: “Mit einem Kopftuch wirst du als Mensch zweiter Klasse behandelt.”

Bis jetzt konnte ich mir das nicht vorstellen. In Berlin leben 240 000 Muslime und dort, wo ich wohne, in Kreuzberg, gehören muslimische Frauen zum Straßenbild. “Aber sobald man tief in den Westen oder in den Osten fährt, starren die Menschen einen an”, sagt Fatma. “Nach Zehlendorf oder Marzahn fahre ich nur noch, wenn es unbedingt sein muss.”

Ich will wissen, wie diese Blicke sich anfühlen, die ablehnenden, die unsicheren – und auch die neugierigen. Für einen Tag verwandele ich mich in eine muslimische Frau, mit Kopftuch und langem Mantel.

Sorgfältig bürste ich meine Haare und binde sie straff nach hinten. Darauf setze ich ein weißes Käppi, das sogenannte Untertuch. Es soll dafür sorgen, dass das Tuch nicht verrutscht und sich keine Haare hervorkringeln.

Dann kommt das Tuch. Mittelblau, reine Seide. Fatma hilft mir, es richtig zu binden. Es wird mit einer Falte über den Kopf gelegt, dann unter dem Kinn mit einer Stecknadel befestigt. Die Enden werden kunstvoll drapiert und an der Schulter festgesteckt. Eine weitere Stecknadel oben auf dem Kopf hält alles an seinem Platz. Zaghaft bewege ich den Kopf hin und her. Nichts rutscht.

Im Spiegel eine fremde Frau

“Siehst toll aus”, sagt Fatma und strahlt mich an. “Richtig schick.” Ermutigt schaue ich in den Spiegel. Und sehe eine fremde Frau. Eine, die mir zwar ähnlich sieht. Aber eben nur ähnlich. Das Tuch umrahmt mein Gesicht und gibt ihm etwas Ernsthaftes, fast Strenges. Der lange Mantel ist elegant. Eine Weile laufe ich vor dem Spiegel auf und ab, gewöhne mich an mein neues Äußeres.Dann gehe ich los. Meine Bekannte wohnt im Graefekiez. Multikulti, überall Cafés und Kneipen. Das macht mir die ersten Schritte mit meiner neuen Identität leicht. Zielstrebig gehe ich auf ein Café zu. Fast jeden Tag war ich im vergangenen Sommer hier. Man kennt sich – dachte ich zumindest. Doch als ich mich an einem Tisch niederlasse, fragt die Kellnerin: “Was kann ich Ihnen bringen?” Ich bin verdutzt. “Hey, erkennst du mich denn nicht’, will ich sagen. “Ich trage doch nur ein Kopftuch.’ Aber ich sage nichts, sondern bestelle einen Milchkaffee. Es ist nicht besonders voll an diesem Morgen. Niemand nimmt Notiz von mir. Eine Frau mit Kopftuch ist hier nichts Besonderes.

Am Flughafen in Tegel und am Hauptbahnhof komme ich mir vor wie unsichtbar. Menschen mit Koffern hasten an mir vorbei. Kein Anrempeln, kein Blick in die Augen. Es ist fast, als sei ich gar nicht da. Das Kopftuch wirkt wie eine Tarnkappe – man verschwindet einfach. “Frauen mit Kopftuch werden oft nicht direkt angesehen. Es ist den Leuten irgendwie unangenehm”, erklärt mir Fatma.

Religiöse Gründe überwiegen

Sie hat das selbst erlebt. Diesen Unterschied. Denn Fatma hat nicht immer Kopftuch getragen. Erst vor etwa zehn Jahren hat sie angefangen, sich intensiver mit ihrem Glauben zu beschäftigen. “Dann hatte ich das Bedürfnis, ein Kopftuch zu tragen”, sagt sie. Aus eigenem Antrieb. Nicht, weil jemand es von ihr verlangt hätte.Damit bestätigt Fatma das Ergebnis einer neuen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Autoren haben 315 türkischstämmige Frauen befragt, warum sie ein Kopftuch tragen. Das Ergebnis: Das Tuch wird aus religiösen Gründen getragen. Der Einfluss männlicher Familienmitglieder spielt eine untergeordnete Rolle.

Und doch werden die Frauen, die ein Kopftuch tragen, als schwach wahrgenommen, als unterdrückt und nicht integriert. “Viele Menschen”, sagt Fatma, “gehen automatisch davon aus, dass ich kein Deutsch kann.” Oder davon, dass sie mit ihrem Kopftuch hier nichts zu suchen hat. Als sie vor einiger Zeit am Urbanhafen einen Hundebesitzer bat, seinen Hund an die Leine zu nehmen, da sie kleine Kinder dabei habe, sagte der nur: “Wenn dir das hier nicht passt, kannst du ja zurück in die Türkei gehen.” “So etwas ist mir ohne Kopftuch nie passiert”, sagt Fatma.

Am Kudamm betrete ich die Kosmetikabteilung eines großen Kaufhauses. Ich probiere Lidschatten und Puder, schaue mir verschiedene Lippenstifte an. Nur wenig entfernt stehen zwei Verkäuferinnen. Sie unterhalten sich angeregt, schauen mich kurz an – und reden dann weiter. Niemand kommt zu mir, fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Oder wofür ich mich interessiere. Sicher eine Viertelstunde lang. Die Blicke der Verkäuferinnen sind unsicher. So als wüssten sie nicht genau, was sie mir, einer Frau mit Kopftuch, überhaupt zeigen könnten. Ich bin in eine Welt eingedrungen, in die ich nicht gehöre.

In die Augen schaut niemand

Auf dem Teltower Damm herrscht lebhafte Einkaufsatmosphäre. Ich bin die einzige Frau mit einem Kopftuch. Langsam schlendere ich an den Geschäften vorbei und beobachte dabei die Menschen, die mir entgegenkommen. An ihren Gesichtern kann ich erkennen, was in ihren Köpfen vorgeht. “Ob die wohl gezwungen wird, dass Ding zu tragen? Und ob die überhaupt Deutsch versteht?’ Doch richtig ins Gesicht, in die Augen, schaut mir niemand. Am Kontoauszugsdrucker der Sparkasse versuche ich, Blickkontakt zu der Frau gegenüber aufzunehmen. Nur einen Meter sind wir voneinander entfernt. Doch sie schaut kein einziges Mal zu mir. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet, als sei ich ihr unangenehm.Langsam habe ich genug davon, weit und breit die einzige muslimisch aussehende Frau zu sein. Ich sehne mich zurück nach Kreuzberg. Möchte für eine Weile abtauchen zwischen den vielen Kopftuchträgerinnen auf dem Kottbusser Damm.

Schon nach den ersten Metern wird mein Schritt dort fester, selbstbewusster. Neben mir, vor mir, hinter mir – überall Frauen wie ich. Niemand wirft mir einen verstohlenen Blick zu. An einem Obststand bleibe ich stehen. Der Verkäufer fuchtelt mit einem Apfel in der Hand vor mir herum und redet ganz selbstverständlich auf Türkisch auf mich ein. “Es tut mir leid, ich verstehe nichts”, sage ich schließlich. “Ach so”, sagt er sofort auf Deutsch, “ich habe nur gesagt, dass diese Äpfel hier besonders gut sind. Kannst Du probieren.” Ich lächle ihn an. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass jemand auf mich als Person reagiert – und nicht nur auf das Kopftuch.

Respekt von Jugendlichen

An der Ecke zum Paul-Lincke-Ufer stehen ein paar türkische Jugendliche. Vielleicht so 16 oder 17 Jahre alt. Sie spielen mit ihren Handys, flachsen herum. Schon oft bin ich an solchen Cliquen vorbeigegangen. Und eigentlich kam jedes Mal irgendeine Bemerkung. Diesmal passiert das Unerwartete: Als ich mit meinem Kopftuch vorbeimarschiere, gehen sie wohlerzogen zur Seite und machen mir Platz. Freundliches Lächeln, keine Anmache: Das Kopftuch als Schutz vor pubertierenden Jugendlichen. Doch in die Überraschung mischt sich Ärger. Schließlich will ich auch als Frau mit offenem Haar ohne Belästigung durch die Straßen laufen können.Die Wirkung des Kopftuches ist groß. Dabei ist es nur ein kleines Stück Stoff. 100 mal 100 Zentimeter groß. Manchmal etwas größer. Und doch verändert es alles. Es ist Anlass für hitzige Debatten. Es sei ein Symbol für die Unterdrückung der Frau – sagen die einen. Die anderen, dass sie sich diskriminiert fühlen, durch ein Verbot in ihrer Religionsausübung behindert.

Die Blicke, die ich wahrgenommen habe, waren teils ablehnend, teils unsicher. Vielleicht hätte der eine oder andere Berliner mich sogar angesprochen. Mich gefragt, warum ich dieses Tuch trage. Und wie ich mich damit fühle. Aber die Berührungsängste waren zu groß, es blieb bei verstohlenen Blicken.

Mein Tag als muslimische Frau geht zu Ende. Ich ziehe den langen Mantel aus und schlüpfe in meine Daunenjacke. Fatma hilft mir, die Nadeln aus dem Tuch zu ziehen. Meine Haare kleben unter dem Käppi am Kopf. Mit allen Fingern fahre ich hindurch, schüttele meinen Kopf hin und her. Es fühlt sich gut an. Leicht und frei. Endlich kann ich mich wieder am Ohr kratzen, ohne Angst zu haben, dass das Tuch verrutscht.

“Man gewöhnt sich so schnell an das Kopftuch”, sagt Fatma, “ich fühle mich mittlerweile ohne Tuch regelrecht nackt.” Bei ihr ist das Kopftuch eine Überzeugung. Für mich war es der Versuch nachzuempfinden, wie sich muslimische Frauen in unserer Stadt fühlen. Es war eine Verkleidung. Und nach einem Tag im Kostüm ist es gut, wieder ich selbst zu sein. Auch wenn mir die türkischen Jugendlichen vor dem Internetcafé in unserer Straße jetzt sicher wieder hinterher pfeifen.

So eine wie die brauchen wir nicht

Eine Szene will mir auch danach nicht aus dem Kopf. Auf dem Weg zum Auto sehe ich am Teltower Damm neben einer Bushaltestelle ein älteres Ehepaar sitzen. Der Mann trägt eine hellblaue Baseball-Kappe und sitzt auf der Bank, sie steht neben ihm. Ich spüre ihre Blicke, beschleunige meinen Schritt. Als ich an den beiden vorbeigehe, höre ich, wie er zu ihr sagt: “So eine wie die können wir hier nicht brauchen.” Ich erstarre, will mich umdrehen, den Mann zur Rede stellen. Doch die beiden sind schon aufgestanden und gehen in die andere Richtung.Welche Demütigung. Nicht das Kopftuch, sondern die Feindseligkeit dieses Mannes.

Quelle: Berliner Morgenpost

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