Wie viele Divisionen? von Uri Avnery
Die Gründe der israelischen Regierung („Der Staat muss seine Bürger gegen die Qassam-Raketen schützen“) war wie die reine Wahrheit akzeptiert worden. Die Ansicht der anderen Seite, dass die Qassams nur eine Antwort auf die Belagerung seien, die 1,5 Millionen im Gazastreifen an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.
Erst als die schrecklichen Szenen aus dem Gazastreifen auf den westlichen Bildschirmen zu erscheinen begannen, fing die öffentliche Meinung der Welt langsam an, sich zu verändern.
Die westlichen und israelischen Fernsehkanäle zeigten zwar nur einen winzigen Teil des entsetzlichen Geschehens, das jeden Tag 24 Stunden lang auf dem Aljazeera-Kanal zu sehen ist, aber ein Bild eines toten Babys in den Armen seines in Angst und Schrecken versetzten Vaters ist mächtiger als ein Tausend elegant formulierter Sätze des israelischen Armeesprechers. Und das ist schließlich entscheidend.
VOR FAST 70 Jahren wurde während des zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielten Extremisten, die die Rote Armee genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht mitten aus den Bevölkerungszentren. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von hundert Tausenden verursachte.
Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchillbande setzte sich mitten in die Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Ruinen zu legen.
Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – falls die Deutschen den Krieg gewonnen hätten.
Absurd? Nicht mehr als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt werden, dass einem speiübel wird: die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des Gazastreifen als „Geiseln“ und benützen die Frauen und Kinder als „menschliche Schutzschilde“, sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen, in denen zu unserm großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffnete Männer verletzt oder gar getötet werden.
IN DIESEM KRIEG – wie in allen modernen Kriegen - spielt die Propaganda eine große Rolle. Der Unterschied der tatsächlichen Kräfte zwischen der israelischen Armee mit seinen Kampfflugzeugen, Dronen (unbemannte Flugmaschinen), Kriegsschiffen, Panzern, seiner Artillerie und den Tausenden leicht bewaffneter Hamaskämpfer ist eins zu tausend, vielleicht sogar 1:1Million. Auf der politischen Ebene ist der Unterschied vielleicht sogar noch größer. Aber im Propagandakrieg ist der Unterschied grenzenlos.
Fast alle westlichen Medien wiederholten anfangs die offizielle israelische Propagandalinie. Sie ignorierten fast völlig die palästinensische Seite der Geschichte, ebenso wie die täglichen Demonstrationen des israelischen Friedenslagers. Die Gründe der israelischen Regierung („Der Staat muss seine Bürger gegen die Qassam-Raketen schützen“) war wie die reine Wahrheit akzeptiert worden. Die Ansicht der anderen Seite, dass die Qassams nur eine Antwort auf die Belagerung seien, die 1,5 Millionen im Gazastreifen an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.
Erst als die schrecklichen Szenen aus dem Gazastreifen auf den westlichen Bildschirmen zu erscheinen begannen, fing die öffentliche Meinung der Welt langsam an, sich zu verändern.
Die westlichen und israelischen Fernsehkanäle zeigten zwar nur einen winzigen Teil des entsetzlichen Geschehens, das jeden Tag 24 Stunden lang auf dem Aljazeera-Kanal zu sehen ist, aber ein Bild eines toten Babys in den Armen seines in Angst und Schrecken versetzten Vaters ist mächtiger als ein Tausend elegant formulierter Sätze des israelischen Armeesprechers. Und das ist schließlich entscheidend.
Der Krieg – jeder Krieg – ist ein Lügenreich. Ob dies nun Propaganda oder psychologischer Krieg genannt wird, jeder akzeptiert, dass es richtig ist, wenn man für sein Land lügt. Jeder, der die Wahrheit sagt, riskiert, als Verräter gebrandmarkt zu werden.
Das Problem ist, dass Propaganda zuerst und vor allem den Propagandisten selbst überzeugt. Und nachdem man sich selbst davon überzeugt hat, dass die Lüge die Wahrheit und die Verfälschung die Realität ist, kann man keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen.
Ein Beispiel für diesen Prozess lieferte die bis jetzt erschreckendste Gräueltat dieses Krieges: das Beschießen der UN-Fakhura-Schule im Jabaliya-Flüchtlingslager.
Kurz nachdem dieser Vorfall weltweit bekannt wurde, „enthüllte“ die Armee, dass Hamaskämpfer von einem Vorplatz der Schule aus Mörsergranaten abgeschossen hätten. Als Beweis veröffentlichte man eine Luftaufnahme, auf der tatsächlich die Schule und der Mörser zu sehen waren. Aber innerhalb kurzer Zeit musste der offizielle Armeelügner zugeben, dass das Photo älter als ein Jahr ist. Also eine Fälschung.
Später behauptete der offizielle Lügner, dass „unsere Soldaten aus dem Inneren der Schule“ beschossen worden seien. Aber kaum einen Tag danach musste die Armee dem UN-Personal gegenüber zugeben, dass auch dies eine Lüge gewesen war. Keiner hatte aus der Schule geschossen, keine Hamaskämpfer waren in der Schule, die voll entsetzter Flüchtlinge war.
Aber das Eingeständnis wurde kaum mehr wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war die israelische Öffentlichkeit vollkommen davon überzeugt, dass „aus der Schule geschossen worden war“ und Fernsehsprecher zitierten dies als einfache Tatsache.
Genau so erging es mit den anderen Gräueltaten. Jedes Baby wurde im Augenblick seines Todes zu einem Hamas-Terrorist. Jede zerbombte Moschee wurde sofort zu einer Hamasbasis; jedes Wohngebäude ein Waffenversteck; jede Schule ein Terrorkommandoposten; jedes zivile Regierungsgebäude ein „Herrschaftssymbol der Hamas“. Auf diese Weise blieb die israelische Armee die „moralischste Armee der Welt“.
DIE WAHRHEIT ist, dass die Gräueltaten eine direkte Folge des Kriegsplanes waren. Dies wirft ein Licht auf die Persönlichkeit Ehud Baraks – eines Mannes, dessen Denk- und Handlungsweisen ein klarer Beweis für das ist, was „moralischer Irrsinn“ genannt wird.
Das wirkliche Ziel (abgesehen davon, mehr Sitze bei den kommenden Wahlen zu gewinnen) ist die Beendigung der Hamasherrschaft im Gazastreifen. In der Vorstellung der Kriegsplaner, sieht die Hamas wie ein Eindringling aus, der fremdes Land kontrolliert. Die Wirklichkeit sieht natürlich ganz anders aus.
Die Hamasbewegung hat bei den ausgesprochen demokratischen Wahlen, die 2006 in der Westbank, in Ostjerusalem und im Gazastreifen stattgefunden haben, die Mehrheit der Stimmen gewonnen. Sie gewann, weil die Palästinenser zur Schlussfolgerung gekommen waren, dass die Fatah durch ihre friedliche, also gewaltfreie Herangehensweise nichts von Israel erreicht hat – weder den Stopp des Siedlungsbaus noch irgendeinen bedeutsamen Schritt in Richtung eines Endes der Besatzung oder der Schaffung des palästinensischen Staates. Die Hamas ist tief in der Bevölkerung verwurzelt – nicht nur als Widerstandsbewegung, die den fremden Besatzer bekämpft so wie einst die (jüdische) Irgun und die Sterngruppe – sondern auch als eine politische und religiöse Körperschaft, die im sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv war.
Vom Standpunkt der Bevölkerung sind die Hamaskämpfer keine Fremdkörper, sondern die Söhne einer jeden Familie im Gazastreifen wie in den anderen palästinensischen Gebieten. Sie verstecken sich nicht „inmitten der Bevölkerung“, die Bevölkerung sieht sie als ihre einzigen Verteidiger an.
Deshalb gründet sich die ganze Operation auf irrigen Vermutungen. Das Leben der Bevölkerung in eine Hölle zu verwandeln, wird die Bevölkerung nicht dahin bringen, sich gegen die Hamas zu erheben, sondern das Gegenteil erreichen, sie vereinigt sich hinter der Hamas und verstärkt ihre Entscheidung, sich nicht zu ergeben. Die Bewohner von Leningrad haben sich nicht gegen Stalin erhoben, so wenig wie die von London gegen Churchill.
Derjenige, der den Befehl für solch einen Krieg mit solchen Methoden in einem dicht bevölkerten Gebiet gegeben hat, weiß, dass dieser ein entsetzliches Gemetzel unter der Zivilbevölkerung anrichten wird. Anscheinend hat ihm dies nichts ausgemacht. Oder er glaubt, „dies würde ihren Weg verändern“ und „ es würde ihr Bewusstsein verändern“, dass sie zukünftig Israel nicht mehr zu widerstehen wagen würden.
Die Hauptsache für die Kriegsplaner war, die Todesrate unter den eigenen Soldaten so gering wie möglich zu halten, da sie wussten, dass die Stimmung eines großen Teils der Pro-Krieg-Öffentlichkeit sich ändern würde, sobald Berichte mit solchen Todesopfern kommen würde. So war es beim 1. und 2. Libanonkrieg.
Diese Einstellung spielte eine besonders wichtige Rolle, weil der ganze Krieg ein Teil der Wahlkampagne ist. Ehud Barak, der in den ersten Tagen des Krieges in den Umfragen gewonnen hatte, wusste, dass seine Werte fallen würden, sobald Bilder mit toten Soldaten die Fernsehschirme füllen würden.
Deshalb wurde eine neue Doktrin formuliert: um Verluste unter unsern Soldaten zu vermeiden, solle alles, was in ihrem Weg steht, total zerstört werden. Die Planer waren also nicht nur bereit, 80 Palästinenser zu töten, um einen israelischen Soldaten zu retten, wie es schon geschehen ist, sondern auch 800. Die Vermeidung von Todesfällen auf unserer Seite ist der vordringlichste Befehl, der Rekordzahlen von zivilen Toten auf der andern Seite verursachte.
Dies bedeutet die bewusste Entscheidung für eine besonders grausame Kriegsführung – und das war ihre Achillesferse.
Eine Person ohne Phantasie, wie Barak (sein Wahlslogan heißt: „Nicht ein netter Kerl, sondern ein Führer“) kann sich nicht vorstellen, wie anständige Leute rund um den Globus auf solche Aktionen reagieren würden, wie die Tötung ganzer großer Familien, die Zerstörung der Häuser über den Köpfen ihrer Bewohner, auf die Reihen von Jungen und Mädchen in Leichensäcken, auf die Berichte über Leute, die tagelang zu Tode bluten, weil die Ambulanzen nicht zu ihnen durchgelassen werden, über das Töten von Ärzten und Sanitätern, die auf dem Weg sind, Leben zu retten, auf Berichte über das Erschießen von UN-Fahrern, die Lebensmittel bringen. Die Fotos aus den Krankenhäusern mit den Toten, Sterbenden und Verletzten, die aus Platzmangel alle zusammen auf dem Fußboden liegen, haben die Welt erschüttert. Kein Argument hat die Kraft eines Bildes von einem verwundeten kleinen Mädchen, das dort auf dem Boden liegt, sich vor Schmerzen krümmt und „Mama! Mama“! schreit.
Die Kriegsplaner dachten, sie könnten die Welt daran hindern, solche Bilder zu sehen, wenn sie die Presse gewaltsam davon abhalten, zum Schauplatz der Kämpfe zu gelangen. Die israelischen Journalisten waren zu ihrer Schande damit einverstanden, die Berichte und Photos zu bringen, die sie vom Armeesprecher erhalten, als ob dies authentische Nachrichten wären, während sie selbst meilenweit von den Ereignissen entfernt blieben. Ausländische Journalisten wurden gar nicht erst zugelassen, bis sie protestierten und dann zu kurzen ausgewählten und überwachten Trips mitgenommen wurden. Aber in einem modernen Krieg kann eine solch sterile und fabrizierte Sicht alle andern nicht vollständig ausschließen. Die Kameras sind im Gazastreifen mitten in der Hölle und können nicht kontrolliert werden. Der arabische Sender Aljazeera bringt die Bilder rund um die Uhr und erreicht jedes Haus.
DIE SCHLACHT um den Fernsehschirm ist eine der entscheidenden Schlachten des Krieges.
Hundert Millionen Araber von Mauretanien bis zum Irak, mehr als eine Milliarde Muslime von Nigeria bis Indonesien sehen diese Bilder und sind geschockt. Dies hat eine große Auswirkung auf den Krieg. Viele der Fernsehzuschauer sehen die Herrscher Ägyptens, Jordanien und der Palästinensischen Behörde als Kollaborateure Israels, das diese Gräueltaten gegen ihre palästinensischen Brüder ausführt.
Die Sicherheitsdienste der arabischen Regime registrieren eine gefährliche Unruhe in der Bevölkerung. Hosni Mubarak, da er für die Schließung des Rafah-Grenzüberganges vor entsetzten Flüchtlingen verantwortlich ist, der exponierteste arabische Führer, begann Druck auf die Entscheidungsträger in Washington auszuüben, die bis jetzt alle Aufrufe für eine Feuerpause blockiert hatten. Diese verstanden langsam die Gefahr für die amerikanischen Interessen in der arabischen Welt und veränderten auf einmal ihre Haltung, was unter den selbstzufriedenen israelischen Diplomaten Bestürzung hervorrief.
Leute mit „moralischem Irrsinn“ können die Motive normaler Menschen nicht verstehen und müssen ihre Reaktionen erraten. „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ spottete Stalin. „Wie viele Divisionen haben die Menschen mit Gewissen?“ könnte Ehud Barak nun fragen.
Wie sich herausstellt, haben sie einige. Nicht sehr viele. Und sie reagieren auch nicht sehr schnell. Sie sind auch nicht stark und gut organisiert. Aber in einem bestimmten Moment, wenn die Gräueltaten überhand nehmen und die Massen der protestierenden Demonstranten zusammenkommen, kann dies einen Krieg entscheiden.
DAS VERSAGEN, das Wesen der Hamas zu begreifen, hat auch ein anderes Versagen verursacht, die voraussagbaren Folgen zu verstehen: nicht nur dass Israel den Krieg nicht gewinnen kann - die Hamas kann ihn auch gar nicht verlieren.
Selbst wenn es der israelischen Armee gelingen sollte, jeden Hamaskämpfer bis zum letzten Mann zu töten, selbst dann würde die Hamas siegen. Die Hamaskämpfer würden für die arabische Nation als Vorbilder angesehen werden, als die Helden des palästinensischen Volkes, als Vorbilder, denen jeder junge Mann in der arabischen Welt nacheifern sollte. Die Westbank würde wie eine reife Frucht in die Hände der Hamas fallen. Die Fatah würde in einem Meer der Verachtung untergehen, die arabischen Regime wären in Gefahr, zusammenzubrechen.
Falls der Krieg mit einer noch aufrecht stehenden, wenn auch blutenden aber unbezwungenen Hamas endet – angesichts einer so mächtigen Militärmaschine wie der israelischen, dann würde dies wie ein phantastischer Sieg aussehen.
Was sich ins Bewusstsein der Welt einprägen wird, wird das Image von Israel als blutrünstiges Monster sein, das bereit ist, jeden Augenblick Kriegsverbrechen zu begehen, und nicht bereit ist, sich an moralische Einschränkungen zu halten. Dies wird langfristig gesehen, schwerwiegende Konsequenzen für unsere Zukunft, für unsere Position in der Welt haben und für unsere Chancen, Frieden und Ruhe zu erlangen.
Am Ende ist dieser Krieg auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den Staat Israel.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
Quelle: Wie viele Divisionen?
Alarmierende Bildungssituation der Migrantenkinder
Der deutsche Bundestag hat sich am Donnerstag mit dem „7. Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ (BT-Drs. 16/7600) befasst. Der Lagebericht zeichnet eine alarmierende Bildungssituation der Migrantenkinder. In dem Report werden erstmals auch Zuwandererkinder erfasst, die in Deutschland geboren sind.
Aus dem Lagebericht geht hervor, dass 40 Prozent aller Schüler aus Migrantenfamilien am Ende ihres Bildungsweges keine Qualifikation erlangen. Rund 40 Prozent besuchen von Ihnen die Hauptschule. Nur 8 Prozent schaffen das Abitur. An den Universitäten betrage der Anteil von Studenten mit Migrationshintergrund sogar nur 3,3 Prozent. Dem Bericht zufolge sind diese fehlenden oder unzureichenden Qualifikationen der Hauptgrund für das unter Einwanderern im Vergleich zu Deutschen doppelt so hohe Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren. Unter Migranten türkischer Herkunft sei die Quote der Unqualifizierten am höchsten
Positiv sei hingegen die gute Entwicklung der Selbständigenquote bei der ausländischen Bevölkerung. Im Vergleich zum Anfang der 1990er-Jahre sei ein Zuwachs von fast 12 Prozent zu verzeichnen. Ausländische Unternehmen hätten sich im Rahmen des Nationalen Integrationsplans außerdem verpflichtet, 10 000 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Derzeit gebe es in Deutschland 582 000 Unternehmer mit Migrationshintergrund. Sie hätten bisweilen rund zwei Millionen Ausbildungsplätze eingerichtet. (sa)
Quelle: IGMG
Warum tötest Du, Zaid?
Das Buch “Warum tötest Du, Zaid?” von Jürgen Todenhöfer zeigt entgegen des Mainstreams eine andere Seite des Irakkriegs. Er erzählt von Zaid - einem jungen Irakker - , der gegen die amerikanische Besatzung kämpft.
“Warum tötest du, Zaid?” gibt jenen eine Stimme, zu denen die Presseoffiziere des Pentagon ihre Besucherdelegationen niemals hinführen – den Mitgliedern des irakischen Widerstands. Es versucht zu erklären, warum dieser Widerstand nicht nur gegen die amerikanische Besatzung, sondern auch gegen die Terroristen von Al-Qaida und gegen die von ausländischen Mächten unterstützten Privatmilizen irakischer Politiker kämpft. Und es will deutlich machen, wo die fundamentalen Unterschiede zwischen Widerstandskämpfern und Terroristen liegen (Zum Inhalt von “Warum tötest Du, Zaid?”).
Unter anderem nahm Jürgen Todenhöfer beim ZDF am Talk von Johannes B. Kerner als Gast teil.
Teil 1:
Teil 2:
Sehr überzeugend finde ich seine 10 Thesen zum Islam und zu Muslimen:
- Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.
Klicke hier zur Erläuterungen der These! - Angesichts der Kriegspolitik des Westens ist es nicht wirklich erstaunlich, dass muslimische Extremisten immer mehr Zulauf bekommen.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Islamisch getarnte Terroristen sind Mörder. Für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege kann nichts anderes gelten.
Klicken Sie hier zur Erläuterung der These. - Muslime waren und sind mindestens so tolerant wie Juden und Christen. Sie haben die westliche Kultur entscheidend mitgeprägt.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die zentralen Gebote.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Die westliche Politik gegenüber der muslimischen Welt leidet unter einer erschreckenden Ignoranz einfachster Fakten.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Der Westen muss die islamische Welt genauso fair und großzügig behandeln, wie er Israel behandelt. Muslime sind so viel wert wie Juden und Christen.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Die Muslime müssen sich wie ihr Prophet Mohammed für einen Islam des Fortschritts und der Toleranz einsetzen. Sie müssen dem Terrorismus die religiöse Maske vom Gesicht reißen.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Nichts fördert den Terrorismus mehr als die „Antiterrorkriege“ des Westens. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selber ausfechten.
Klicke hier zur Erläuterung der These. - Das Gebot der Stunde heißt Staatskunst, nicht Kriegskunst – im Irankonflikt, im Irakkonflikt und im Palästinakonflikt.
Klicke hier zur Erläuterung der These.
Ein Hauch von Apartheid
Ich habe den Artikel “Ein Hauch von Apartheid” von Wut! bei Arne Hoffmanns Blog gefunden, der in mir Erinnerungen meines letzten IAA Besuchs in Frankfurt hochkommen ließ.
Bei der Sicherheitskontrolle, die durch Polizisten durchgeführt wurde, wurden wir “Schwarzköppe” genauer unter die Lupe genommen. Etwa eine halbe Stunde lang wurde unsere fünfköpfige Gruppe vor der Sicherheitskontrolle warteten Besuchern nacheinander befragt. Von Polizisten umstellt und öffentlichen an den Pranger gestellt, gaben wir “potentielle Terroristen” ein gutes Bild für die Presse ab. Wir wurden vor allen Menschen einfach bloßgestellt!
Auch unsere Nachfrage, ob man die Überprüfung nicht diskreter durchführen könnte, blieb einfach offen. Ein Beschwerdebrief über die ethnische Auswahl von Menschen, der vom angehenden Juristen (er war auch dabei) verfasst wurde, hat leider nichts bewirken können.
Der Beitrag Ein Hauch von Apartheid schildert das kopflose Vorgehen der Polizei, wo Menschen nach Ethnie als gefährlich oder ungefährlich gefiltert werden.
Muslime in Deutschland verurteilen die abscheulichen Morde in der Türkei
Stimmen zum Mord an drei Christen in der Türkei:
Mit tiefem Entsetzen und Abscheu verurteilt der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) die unfassbaren Morde an drei Christen am gestrigen Mittwoch in der türkischen Stadt Malatya“, sagte der Sprecher des KRM Dr. Ayyub A Köhler am heutigen Tag. „Es gibt keine religiöse Rechtfertigung für solche Überfälle “ sagte er weiter und führte aus, „dass solche Taten niemals geduldet werden dürfen“. Er betonte, dass „der Koran das Recht auf Glaubensfreiheit im Vers 256 der zweiten Sura garantiert, wo es heisst: „Kein Zwang im Glauben““. Er sagte weiter: „Diese koranische Grundlage darf niemals in Frage gestellt werden und er endete mit der Hoffnung, „das wir der Versuchung widerstehen, das nun Christen und Muslime gegeneinander ausgespielt werden (islam.de).
Der Koordinationsrat der Muslime umfasst folgende Dach-und Spitzenverbände:
- DITIB - Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.
- IRD – Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland e.V.
- VIKZ – Verband der Islamischen Kulturzentren e.V.
- ZMD – Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V.
In einer ersten Erklärung verurteilte der Vorsitzende der IGMG, Yavuz Celik Karahan, den Überfall aufs Schärfste und bezeichnete die Tat als „barbarischen Akt“:
Dieser Angriff richtet sich gegen Muslime und Christen gleichermaßen. Die Täter handelten offensichtlich mit der Absicht, Unruhe zwischen Muslimen und Christen zu stiften und sie gegeneinander zu provozieren. Wir hoffen, dass die Urheber der Anschläge schnell gefasst werden und die Tat aufgeklärt wird. Unser Mitgefühl und unsere Solidarität gilt den Familien der Opfer (igmg.de)
Sahira Awad rappt für Toleranz
Ein interessanter Artikel über eine kopftuchtragende Muslima, die für Toleranz rappt.
Guckst Du:
“Kopftuch ist Freiheit”
Sie trägt Kopftuch und hat schon mit Rap-Star Bushido zusammengearbeitet. Sahira Awad gehört zu Berlins bekanntesten Hip-Hop-Musikerinnen. Sie ist gläubige Muslimin, das Kopftuch trägt sie aus Überzeugung. In der von Männern dominierten Hip-Hop-Szene wäre die Sängerin auch ohne die religiöse Kopfbedeckung ein Exot. Jahrelang trug Sahira ihre Haare offen. Für sie ist das kein Widerspruch zu ihrem Interesse am Islam. Schon als Kind mochte sie den Klang des “Ezan”, des Gebetsrufs.
In ihrem Studio in Charlottenburg wippt die 27-Jährige - braune Rehaugen, modische Jeans und eng angelegtes Kopftuch (das “Hidschab”) - zu den selbstkomponierten Beats. Sie sprüht nur so vor Selbstbewusstsein. Der 11. September 2001 war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Sie empfand wie viele, dass der Islam nach den Anschlägen zur Terror-Religion stilisiert und Muslime pauschal verdächtig wurden. Die junge Frau wollte sich ein eigenes Bild machen und fing an, den Koran zu studieren. Ihr gefielen die Spiritualität und der Friedensgedanke der Weltreligion.
Toleranz erwünscht
Sahira begann zu beten - fünf Mal am Tag - und irgendwann setzte sie auch das Kopftuch auf. “Für mich ist das Freiheit, und ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt einen Minirock anhätte. Das ist mein Kopf, mein Haar, meine Entscheidung”, sagt Sahira. Sie ist in Berlin geboren, als Tochter palästinensischer Eltern, und im Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen. Diese förderten die schulischen Leistungen der acht Kinder, achteten darauf, dass sie alle perfekt Deutsch lernten.
Die Mutter trägt kein Kopftuch, auch einige ihrer Schwestern nicht, wie die Musikerin erzählt. Die anderen sind religiöser, haben sich für das Tuch entschieden. Dass Sahira inzwischen allein erziehende Mutter eines Sohnes ist, sei für die Familie keine Schande, sondern Antrieb, sie zu unterstützen, zum Beispiel, wenn wieder Konzerte oder Proben anstehen. So viel Toleranz würde sich Sahira auch in der Kopftuch-Debatte wünschen.
Verunsicherung
Sie kennt auch die Argumente der Gegner wie der türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz. “Für viele von uns Musliminnen steht es für Unterdrückung, Patriarchat und Frauenfeindlichkeit”, urteilte die Grünen-Politikerin über das Kopftuch, das für sie nicht an Schulen gehört. Deligöz’ klare Meinung verärgerte strenggläubige Muslime, die Politikerin erhielt sogar Morddrohungen. “Ich finde das ganz schrecklich”, sagt Sahira. Auch wenn sie Deligöz’ Auffassung nicht teilt, verurteilt sie die Art, wie darauf reagiert wird.
Schon oft hat die junge Frau Verunsicherung bei ihren Mitmenschen ausgemacht, wenn diese ihr Kopftuch sahen. Bei Bewerbungsgesprächen sei das Stück Stoff häufig ein Hindernis gewesen. Ganz anders in der Musikwelt: In der Hip-Hop-Szene falle das Tuch nicht weiter ins Gewicht, erzählt die Sängerin. Sie hat sich mit ihrer Musik schon früh Respekt bei den männlichen Kollegen verschafft. Mit 15 fing sie an, Songs zu schreiben und diese auf Kassetten aufzunehmen. Sie wurden in der Schule weitergereicht und landeten irgendwann bei einem Musikproduzenten.
Gewalt ist tabu
Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen sind Gewaltverherrlichung und Machotum in den Songs von Sahira tabu. Vielmehr reflektiert sie das Leben um sie herum - Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen, Generationskonflikte und vor allem die Frage nach den Wurzeln. “Elhamdüllilah, Frei Schnauze. Berlin, ja das ist mein Zuhause”, singt sie auf ihrem Debütalbum. “Heimat ist für mich immer da, wo ich nicht anecke und mich als Ganzes fühlen kann, also hier in Deutschland. Es ist nur komisch, dass man in der Öffentlichkeit selten als Teil dieses Landes wahrgenommen wird. Wenn wir in den Medien auftauchen, dann immer nur als unterdrückte Töchter oder kriminelle Arbeitslose.”
Deswegen will sie ein Vorbild sein, zeigen, dass eine gläubige Muslimin genauso emanzipiert und selbstbestimmt sein kann wie andere Frauen. Inzwischen hat die Musikerin ein eigenes Label gegründet, “Imani Music” heißt es. Imani kommt aus dem Arabischen und bedeutet “mein Glaube” - der Glaube an Gott und an sich selbst.
Von Aygül Cizmecioglu, dpa

