Olivier Roy: Lasst uns aufhören, über Religion zu reden!
In einem Interview des Frankfurter Rundschausmit spricht der franzöische Politikwissenschaftler Oliver Roy über das verzerrte Bild des Islam, Integration der Muslime in Europa und Kampf der Kulturen.
Im lesenswerten Artikel “Lasst uns aufhören, über Religion zu reden!” spricht Oliver Roy Tacheles. Hier einige Zitate:
Integration wird üblicherweise geleistet auf Kosten traditioneller ethnischer Kulturen. Aber der Islam kann und sollte als Glaubensgemeinschaft umgestaltet werden und auf dem gleichen Fuß wie andere Religionen stehen. Praktizierende muslimische Gläubige fordern Gleichheit und nicht den Status als kulturelle Minderheit. Dennoch werden sie systematisch als fremde ethnische Kultur zurückgesetzt. Die emporstrebende muslimische Mittelschicht im Westen will als eine westliche Glaubensgemeinschaft beachtet werden und nicht etwa als fremde Kultur.
[...] zu viele Muslime sind bereits integriert, auch wenn ihre Integration nicht genügend anerkannt wird.
Die meisten religiösen Konservativen Europas befürworten eine Begrenzung der Freiheit des Ausdrucks – so gewann die französische katholische Kirche vor zwei Jahren eine Gerichtsschlacht, in der es um die Verbannung einer Darstellung des “Letzten Abendmahles” ging. Die Apostel waren darauf durch halbnackte Frauen ersetzt. Die meisten katholischen Bischöfe sind gegen die Schwulen-Hochzeit. Und nebenbei gesagt, haben viele Muslime eine sehr kritische Sicht zu der fehlenden Freiheit und Demokratie in arabischen Staaten, deren Regime von uns, dem Westen, unterstützt werden wie beispielsweise Tunesien oder Ägypten. Es ist keine Debatte zwischen Kulturen, wohl aber eine zwischen Werten. Zudem ist es eine Debatte, die innerhalb der Grenzen Europas geführt wird: Sollten wir etwa die katholische Kirche Spaniens als muslimisch bestimmen, nur weil sie die Säkularisation ablehnt, wie auch die Trennung von Kirche und Staat, die Schwulen-Hochzeit und die absolute Freiheit der Religion?
El Kaida und der Islamismus sind nicht dasselbe. Nicht alle Fundamentalisten sind politische Radikale, und es steckt tatsächlich eine kleine Religion in El Kaida. Fundamentalismus ist ein permanenter Trend in jeder Religion und es ist sinnlos, von außerhalb einen “guten Islam” zu befördern; der Fundamentalismus wird immer einige Leute erreichen.
Der Westen denkt, dass der Islam die Wurzel der Radikalisierung ist, also sehen wir automatisch in Bin Laden den Vorreiter der muslimischen Welt. Vielmehr sollten wir ihn bekämpfen als Terroristen, nicht als Muslim. Faktisch werden junge Menschen nicht deshalb zu Terroristen, weil sie den Koran lesen oder in die Moschee gehen.
Die Geschichte junger Terroristen ist die eines individuellen Heldensprungs zur Rettung der Umma der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, vor der westlichen Barbarei. Die Religion spielt keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung. Wir sollten diesen Heroismus delegitimieren, indem wir die Geschichte vom Heldentum entlarven, anstatt die muslimische Gemeinschaft aufzufordern, den Terrorismus zu verdammen – sie tun es, aber niemand scheint es zu hören. Lasst uns also aufhören, über Religion und Kultur zu reden, was weniger wichtig ist, sprechen wir besser von Politik und generationsabhängiger Radikalisierung.
Lasst uns die Integration von Muslimen und den Islam als westliche Religion behandeln und aufhören, den Fokus auf die Kriege im Nahen und Mittleren Osten zu richten, auf die wir keinen Einfluss haben, und von denen die europäischen Muslime viel weiter entfernt sind, als es angenommen wird.
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